Musik gehört in jedes Leben.

Von 2011 bis 2012 habe ich eine Zertifikations-Weiterbildung der Fachhochschule Münster (Ausbildungsstätte: Nordkolleg Rendsburg) zum Thema "Musik mit alten Menschen - Musikgeragogik" absolviert.

Der Begriff "Musikgeragogik" umfasst jegliches musikalisches Arbeiten mit alten Menschen - von Seniorenensembles, -chören etc. bis hin zu Gruppenarbeit in Seniorenheimen. Mit Letzterem habe ich mich befasst.

Mehr zum Thema gibt es unter http://www.musikgeragogik.de.

Für den Abschluss der Ausbildung und die schriftliche Arbeit zur Erlangung des Zertifikats habe ich gemeinsam mit zwei Kolleginnen, Sigrid Schmalz und Regine Fricke, am Potsdamer Bürgerstift ein Projekt gestaltet, dessen Höhepunkt darin bestand, gemeinsam mit Heimbewohnern und einigen Musikschul-Kindern, veranstaltet von der Städtischen Musikschule "Johann Sebastian Bach" in Potsdam, ein Märchen ("Dornröschen") musikalisch aufzuführen. Die Kinder stellten die Märchenfiguren szenisch dar, und es wurde von allen gemeinsam gesungen und auf Instrumenten gespielt - immer in der richtigen Balance zwischen Fordern, aber nicht Überfordern.

Die Veranstaltung war geprägt von einer so sichtlichen Freude und einem solchen Engagement bei allen Beteiligten, dass es zu einem wirklich schönen Erlebnis wurde.

Das Erleben musikalischen Tuns öffnet für alte Menschen, auch und vielleicht gerade für demente Heimbewohner, ungeahnte Türen!

Es spricht die Gefühlswelt unmittelbar an, ohne Worte dafür zu brauchen. Darin liegt, besonders für demente Menschen, eine riesige Chance.

Musik kann eine Welt erschließen, in der es nicht um "Richtig" oder "Falsch" geht. Jeder hat in der Musik - sowohl beim Musikhören als auch beim aktiven Musizieren - sein ganz eigenes Erlebnis, das keiner Wertung unterzogen wird.

Man kann Musik nicht missverstehen, und musikalisches Erleben wird sich nicht als Irrtum entpuppen. Je weiter die Kategorisierung in Richtig und Falsch als Maßstab zurücktritt, desto mehr kann Kreativität an ihre Stelle treten. Und so lässt sich durch musikalisches Tun persönliche eigene Wahrheit zum Ausdruck bringen.

Für manch einen eröffnet sich hier eine neue Welt, zu der er vorher nie einen Zugang gehabt zu haben glaubte.

Wenn, wie z.B. im Falle einer Demenz, einem Menschen die Sprache und das rationale Verstehen immer schwerer zugänglich werden, wie gut muss es dann tun zu erleben, dass es auch eine Welt ohne Worte geben kann!

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Für mich persönlich birgt das musikalische Arbeiten mit Senioren - neben der Freude an der offensichtlichen Sinnhaftigkeit - noch ein weiteres Geschenk:

Heutzutage ist das Selbstverständnis eines Musikers nicht unerheblichen Anfechtungen ausgesetzt. Angesichts wegbrechender Finanzierungen und damit Möglichkeiten, auch angesichts mangelnder Wertschätzung und immer absurder anmutender Argumentationen in öffentlichen Diskussionen über Kulturfinanzierung sieht man sich als Musiker immer öfter in eine Rechtfertigungsposition gedrängt: für das, was wir tun und dafür, dass wir meinen, daß unser Tun einen Wert hat.

Ist Musik ein verzichtbares Luxusprodukt?

Und kann man Schicksal und Beschaffenheit unserer kulturellen Landschaft einzig den Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft überlassen?

Was man bei dieser Arbeit beobachten kann, gibt eine so wohltuend eindeutige Antwort darauf! Und es macht schlicht die Notwendigkeit von Musik plausibler denn je.

Denn es ist durchaus übertragbar und bezieht sich nicht nur auf demenzkranke und nicht nur auf alte Menschen:

Überall dort, wo Worte an ihre Grenzen stoßen, kann Musik im wahrsten Wortsinn zur Lebensnotwendigkeit werden.